|
Versuch einer hauptsächlich musikbezogenen Autobiographie
Aufgeschrieben von
Wilfried Woigk aus Anlaß seines 50-jährigen Bühnenjubiläums am 15. Okt..
2011
Am 16. Dez. 1941, mitten im Kriegswirren, wurde ich in Halle/Saale geboren. Es war vorauszusehen, dass ich mal irgendwann etwas mit Musik zu tun
haben würde, denn wer am gleichen Tag wie Ludwig van Beethoven geboren
wird, hat dazu gewissermaßen eine Verpflichtung! Meine Mutter spielte
Klavier, mein Vater Gitarre, Konzert- Zitter und auch Klavier und so
wurde ich schon beizeiten in die Hausmusik eingeführt (heutzutage sagt
man ja house- music dazu oder meinen die jungen Leute etwas Anderes
damit?). Von meiner Mutter wünschte ich mir jeden Abend ein Schlaflied,
mit ihrer schönen Stimme und mit eigener Klavierbegleitung vorgetragen.
Mein Lieblingslied war „Guten Abend, Gute Nacht" von Herrn
Brahms. Meine Mutter starb am Weihnachtsabend 1946, als ich gerade mal 5
Jahre alt war. Mit Schlafliedern war es dann nichts mehr.
Mein Vater heiratete wieder und meine Schwester Ingrid und ich wurden
getrennt. Sie war schon 11 Jahre alt und konnte sich mit der „neuen"
Mutter nicht anfreunden. So wuchs sie bei den Großeltern väterlicherseits auf, während ich bei den Eltern meiner „neuen"
Mutter aufwuchs. Zu den „neuen" Großeltern sagte ich aber „Tante"
und „Onkel", denn schließlich hatte ich ja schon zwei Omas und
Opas. Allerdings verbot mir meine „neue" Mutter, mit den Eltern
meiner „richtigen" Mutter in Kontakt zu bleiben. Auch meine große Schwester bekam ich selten zu Gesicht, obwohl ich sehr an ihr
hing. Sie erzählte mir immer, wenn ich sie mal sah, dass unsere Mutter
jetzt ein Engel wäre und uns jederzeit aus dem Himmel beobachten
würde. Ich glaubte ihr, denn schließlich sah ich meine Mutter auch
fast jede Nacht im Traum- als Engel.
1948
wurde ich dann eingeschult und fand die Schule erst einmal ziemlich
langweilig, weil ich schon seit einem Jahr lesen und schreiben konnte.
Meine Tante hatte mir dabei geholfen, meine Neugier auf diese
geheimnisvollen Zeichen zu stillen. So hatte ich, als ich eingeschult
wurde, schon die berühmtesten Märchen der Gebrüder Grimm und
Andersens Märchen gelesen. Viel interessanter war da für mich das
Akkordeon, was ich auf dem Boden unseres Hauses gefunden hatte. Jeden
Tag hockte ich ein paar Stunden auf dem Boden und brachte mir selbst das Akkordeonspiel bei. Ich lernte es, indem ich sämtliche Schlager, die es
damals gab, versuchte, auf dem Akkordeon zu interpretieren. Auf
Hochzeiten und Geburtstagen war ich deshalb immer öfters zugegen, man
bestaunte mich als eine Art von Wunderkind. Schließlich, nachdem ich
alle Schlager und Volkslieder spielen konnte, schickte mich meine Tante
zum Akkordeon- Unterricht. Jetzt lernte ich auch „Heinzelmännchens
Wachtparade" und den „Kaiserwalzer" zu spielen. Es war nur
eine Frage der Zeit, bis ich mit Mitschülern eine Schülerband gründete. Mein Musiklehrer fand heraus, dass ich auch nicht schlecht
singen konnte, und so wurde ich im Schulchor aufgenommen, der unter der
Leitung des berühmten Halleschen Komponisten Gerd Ochs stand. Meiner
musikalischen Grundausrichtung stand nun nichts mehr im Wege!
Mein
Wunsch war es, nach Schulabschluss einmal Musik zu studieren. Das
widersprach aber den Wünschen von Onkel und Tante (mein Vater hatte
dazu überhaupt keine Meinung). Ich sollte einen ordentlichen Beruf
erlernen und später mal den Handwerksbetrieb meines Onkels übernehmen.
So lernte ich erst einmal Dreher und machte heimlich einen
Vorbereitungslehrgang für ein Ingenieur- Studium, da es Onkel und Tante
lieber gewesen wäre, wenn ich erst einmal Geselle und dann „meinen"
Meister gemacht hätte. Wozu muss man auch Ingenieur sein, wenn man
einen Handwerksbetrieb führt? Ich aber hatte andere Pläne, da ich
schon als Jugendlicher merkte, dass ein Privat- Betrieb im Sozialismus
keine Zukunft hatte. Erst einmal musste ich aber „zur Fahne". Ich
war der letzte von unserem „Lehrlingsaktiv", der sich „freiwillig"
für den „Dienst bei den bewaffneten Organen unserer Republik"
meldete, denn man deutete mir unmissverständlich an, dass ich nie
zum Studium käme, wenn ich nicht vorher „meinen Dienst"
ableisten würde. Ich hatte gedacht, dass es reicht, wenn ich Monat für
Monat den Orden „Bester Lehrling des Monats" bekommen hatte, um
dann zum Studium „delegiert" zu werden. Hier spürte ich zum
ersten Mal, dass es im Sozialismus .nicht auf gute Leistungen ankommt,
sondern dass es reichte, wenn man genug heucheln konnte, um an die
allerhöchsten Positionen im Staat heranzukommen. Inzwischen weiß ich, daß es im Kapitalismus auch nicht anders ist.
So
wurde ich nun bei der NVA als Funker ausgebildet- weil Funker ein gutes
musikalisches Gehör brauchen, was man bei mir vermutete. Tatsächlich
hatten fast alle meine "Genossen"
gewisse musikalische Vorkenntnisse und die besten
Funker waren tatsächlich die, welche ein Instrument spielten. Da es nur
einmal in der Woche Ausgang gab, hatte ich genügend Freizeit, um
weiterhin Akkordeon zu üben. Schließlich gründeten wir in unserer
Funker- Gruppe eine Band. Wir wurden zuerst sogar gefördert- wenn da
nicht meine West- Cousine gewesen wäre, die mir (über Umwege) öfters
die BRAVO zukommen ließ und dazu noch ab und zu eine Schallplatte mit
„kapitalistischer Unkultur" in Form von Songs von Elvis Presley,
den Everly Brothers und Paul Anka. Diese Songs versuchten wir nun, in
der Band gut rüberzubringen, was uns auch zur Freude der Soldaten und
zum Ärger der Vorgesetzten gelang. So ertönte dann in einer
sozialistischen Kaserne die Musik des „Klassenfeindes":
Jailhouserock, Tuttifrutti, Hound Dog, By, by Love - und Crazy Love. Das
gipfelte darin, dass das ganze Zimmer des Funkers Woigk geschlossen RIAS
und AFN hörte, denn die brachten die beste Musik- den Rock’n Roll.
Das Ende dieser Band war deshalb vorprogrammiert. Eines Tages, als das
ganze Zimmer mal wieder laut RIAS hörte- kam der Kompanie-Chef ins
Zimmer. Alles sprang auf, die Musik war gerade zuende und der
Zimmerälteste wollte Meldung machen- in dem Moment erklang es laut
durch das Radio: „Hier ist RIAS Berlin, eine freie Stimme der freien
Welt". Ich wurde als Rädelsführer ausgemacht und zur Artillerie
in eine andere Kaserne versetzt,. Damit war die erste Band erledigt.
Inzwischen
hatte die Führung der NVA gemerkt, dass sich das längerdienende
Personal, z.B. Unteroffiziere und Stabsgefreite aus Abgängern der 5.
und 6. Schulklasse zusammensetzte. Es wurde eine Regelung getroffen,
dass auch Unteroffiziere nur noch 2 Jahre zu dienen hatten (bis dahin 4 Jahre) und so setzte
sich das Unteroffiziers- Corps plötzlich zum großen Teil aus
Abiturienten zusammen, die, so wie ich auch, zum Studium wollten.
Plötzlich
gab es eine Art von Verbrüderung zwischen Soldaten und Unteroffizieren.
Die Gründung einer Band wurde auf Initiative der neuen Abi-
Unteroffiziere beschlossen. Der erste öffentliche Auftritt dieser
Band fand im Oktober 1961 statt (weshalb ich jetzt mein
50-jähriges Bühnenjubiläum feiern kann). Unter den neuen Abi-
Unteroffizieren waren viele Berliner, die bei AFN und RIAS den Rock’n
Roll aufgesogen hatten. So war man denn ganz begeistert, als wir nun
diese Musik „live" mit der neuen Band präsentierten. Die Band
nannte sich „Fünfundachtziger" – nach der
85mm-Panzerabwehrkanone, mit der unsere Einheit bestückt war. Niemand
regte sich mehr auf, dass wir die „Musik des Klassenfeindes"
spielten! Wir traten innerhalb der Kaserne auf oder bei der Paten- LPG,
bei den „Freunden" in den Kasernen der Roten Armee oder auf
Stadtfesten usw. Wenn wir zu Offiziers- Feten in der Kaserne spielten,
gab’s regelmäßig Sonderurlaub- dafür mussten wir schweigen und
nichts von den Sex-Partys erzählen, die da abgingen.
Es
gab Zeiten, wo wir eine Woche überhaupt nicht in die Kaserne
zurückkamen und nur Musik machten. Zu dieser Zeit lernte ich auch das
Gitarre-Spiel, denn was wäre der Rock’n Roll ohne
Gitarre?! Außerdem
„fetzte" es vielmehr, so wie Elvis mit der Gitarre auf der Bühne
zu stehen, Love Me Tender zu singen und den Mädchen zu imponieren! Das
Akkordeon war jetzt zu einem Relikt aus uralter Zeit geworden und wurde
dementsprechend stiefmütterlich behandelt. Nur in der Elvis-Fassung von
„Muß i denn zum Städtele hinaus" wurde es noch mal benutzt.
Nach
der Entlassung traten alle Mitglieder der Band ihr Studium an diversen
Hoch- und Fachschulen an.
1962
begann ich mein Studium an der Ingenieurschule für Maschinenbau in
Schmalkalden an. Hier gab es eine Studenten- Band namens Atlantis,
die zufällig einen Sänger und Gitarristen suchte...
Nachdem
ich der Band mein gesamtes Rock’n Roll- Repertoire „draufgedrückt"
hatte, war ich in Schmalkalden bekannt als „Gonzales", weil der
von mir spektakulär vorgetragene Pat Boone- Song" Speedy
Gonzales" sehr gut bei den Leuten ankam! So konnte ich von den 2
bis 3 Auftritten pro Woche mein Studium finanzieren und es blieb mir
sogar noch etwas übrig, um mir einen Verstärker „Elektro-
Artist" zu kaufen.
Im
Herbst mussten alle Studenten zum Ernteeinsatz in den Kreis Nauen (bei
Potsdam). An einem Sonnabend fuhren wir abends mit dem Zug nach Potsdam.
Dort sollte eine gute Band spielen, die sich Sputnik-Band nannte. Der
Abend wurde zu einem Schlüsselerlebnis meiner gesamten Musiker-
Laufbahn. Die Band spielte die damals modernste Musik: Rock’n Roll,
Twist und Madison- und das alles in dem faszinierenden Gitarrensound der Shadows. Zum ersten mal sah ich eine Bass-Gitarre, so wie ich sie
von einem Fotos der Shadows kannte! Dieser Sound ging mir völlig unter
die Haut und von dem Moment an war mir klar, welche Musik ich künftig
machen wollte. Ich sprach mit dem Bass- Gitarristen, der mir erzählte,
dass er zufälligerweise noch eine Bassgitarre dieser Bauart zuhause
hatte. Er hatte sie aus West- Berlin, noch bevor die Mauer gebaut wurde.
Ich machte am nächsten Tag einen Treff mit ihm aus- er wohnte im Park
von Sanssouci- und kaufte ihm die Bassgitarre ab. Das Geld dafür lieh
mir ein Dozent, der als Aufpasser mit zum Ernteeinsatz vergattert worden
war. Er wusste, dass ich in der Studentenband spielte und war begeistert
von meinem Neu- Erwerb. Er konnte allerdings nicht ahnen, dass mir
Anderes vorschwebte, denn ich hatte in Schmalkalden eine Band gesehen,
die Shadows- Titel spielte. Zur Erreichung des authentischen Shadows-
Sound fehlte nur noch die Bassgitarre. Die Band hieß Puzzi-
Band, kam
aus dem schönen Tabarz und spielte in der Besetzung Lead- Gitarre, Rhythmus
-Gitarre, Kontra- Bass, Klavier und Schlagzeug.
Nach
meiner Rückkehr vom Ernteeinsatz spielte die Band gerade wieder in
Schmalkalden. Ich hatte mir vorher das gesamte Repertoire der Puzzi-
Band draufgedrückt. Am Morgen der Veranstaltung ging ich zu dem Kontra-
Bassisten, der aus Schmalkalden war, um ihm mitzuteilen, dass er heute
nicht mitspielen brauche, was ihm ganz recht war, weil seine Frau gerade Geburtstag
hatte.
Vor
Beginn der Veranstaltung ging ich in den „Volkssaal", wo die
Puzzi- Band auftreten sollte und teilte der Band mit, dass Ihr Kontra-
Bassist heute nicht mitmachen könne, weil er eine Feier hätte und
lieber zuhause bleiben möchte. Ich bat mich selbst als Ersatz an und
auf die Frage, wo denn mein Kontra- Bass wäre, zeigte ich meine
Bassgitarre vor, die ich (rein zufällig!) dabei hatte, was großes
Erstaunen auslöste. Solch ein Instrument hatte bisher noch niemand in
Thüringen gesehen, auch die Musiker der Puzzi- Band nicht! Den
Verstärker hatte ich ebenfalls (rein zufällig!) im Bühnen-Nebenraum
und nachdem ich ihn angeschlossen hatte und drei oder vier Songs mit der
Band gespielt hatte, war ich in der Band aufgenommen. Atlantis ging dann
zwar unter (wie es sich für Atlantis eben gehört), aber dafür
waren THE POLARS geboren! Wir
waren damit die erste Beat- Group Thüringens und ich der erste
Bassgitarrist Thüringens! Eigentlich wollten wir uns POLARIS nennen,
aber so hieß eine amerikanische Rakete und so mußten wir das „i"
weglassen. Den englischen Artikel THE in unserem Bandnamen
erklärten wir den Genossen mit einer Abkürzung für THÜRINGER HEIMAT ENSEMBLE.
Wir
wurden sehr schnell bekannt in Thüringen und unser Domizil war die Stadthalle Gotha. Woche für Woche strömten Hunderte von Fans in die
Stadthalle und Gotha wurde laut Radio Luxemburg die Hochburg des Beat in
Ostdeutschland. Und tatsächlich- die Leute kamen aus Erfurt, Weimar,
Eisenach, Suhl, Apolda und sogar aus Leipzig und Halle. Sie kamen in
Gruppen und jede Gruppe hatte ihren Wimpel, auf dem stand BEATCLUB
ERFURT, BEATCLUB EISENACH usw. Dieser wurde zuerst auf den Tisch
gestellt und damit war der Tisch für die entsprechende Gruppe
reserviert. Die Anzugsordnung war eher einheitlich. Die „Beat-
Boys" kamen mit Schlaghose, Rüschchenhemd, Beatles- Jacke (ohne
Kragen) und Lederschlips, die „Beat- Girls" im Minirock oder
Minikleid, dazu die tollsten Phantasie-Frisuren. Bei einem Konzert für
die Skispringer- Elite in Brotterode lernte ich meine Frau Monika kennen. Weltmeister Dieter Bockelow verlor an diesem Abend gegen mich,
denn ich bekam die Frau, um die er den ganzen Abend baggerte. Nach einem
¾ Jahr heirateten wir und im Mai 65 kam dann auch folgerichtig unsere Tochter Viola zur Welt. Sie sah aus wie eine Puppe und mit Abstand
das schönste Baby, das ich je gesehen hatte. Wir waren glücklich und
musikalisch ging auch alles ganz gut vorwärts: Wir gewannen den 1.
Ausscheid der Beatgruppen und wurden zum Bezirksausscheid delegiert.
Doch daraus wurde nichts mehr , weil infolge des 11. Plenums der SED ein
jäher Wandel in der Kulturpolitik vollzogen wurde. Der Beat- bisher
geduldet als die Musik der verarmten und arbeitslosen Jugendlichen
Englands- wurde pauschal verboten, weil unsere sozialistische Jugend den
Beat nicht brauchte (Zitat Walter Ulbricht: Wir brauchen dieses monotone
Yeah, Yeah nicht!).
Vorher
fuhren wir aber erst einmal in das einzige Studio, das es in
Ostdeutschland gab (Amiga-Studio in Berlin) und wollten einige unserer
Eigenkompositionen aufnehmen. Leider hat uns im Studio unsere Anlage
verlassen und Ersatz- Verstärker gab’s in diesem Studio nicht.. So
haben wir unsere Komposition „Eskimo" an Amiga
verkauft, damit wir nicht ganz umsonst in Berlin waren. Der Titel wurde
dann vom Berliner „Franke-Echo-Quintett" eingespielt. Über das
Ergebnis waren wir enttäuscht, denn das hupende Saxophon verstümmelte
unseren ganzen Titel, abgesehen davon, dass keine der damaligen
ostdeutschen Bands unseren phantastischen Shadows- Gitarrensound
erreichte. Die Aufnahme kam auf die LP „Big Beat 2".
Kurz
darauf fuhren wir nach Bratislava, um den Jungs dort mal zu zeigen, wie
Musik gemacht wird. Wir mussten aber 5 oder 6 Konzerte absolvieren, ehe
der tschechoslowakische Rundfunk auf uns aufmerksam wurde! Dann waren
wir endlich in einem Studio, das sich sicher auch im Westen sehen lassen
konnte. Wir wollten zuerst ein paar Stücke von den Shadows aufnehmen,
bis man uns bedeutete, dass die Shadows kurz vor uns gerade hier waren!
Ufffff! Das traf uns hart, warum hatten wir das nicht gewusst? Wir
wären in alle uns zugänglichen Länder der östlichen Hemisphäre
gefahren, um die Shadows zu hören! Waren die Leute hier etwa doch nicht
ganz so ahnungslos wie wir glaubten? Als wir dann noch einige
slowakische Bands kennenlernten und über unsere Anlage spielen ließen,
mussten wir unsere Meinung revidieren: Die waren hier- rein musikalisch
gesehen- viel weiter als wir in der Zone! Hier waren Rhythm & Blues,
Stones, Pritty Things und Who angesagt!
Trotzdem
wurden unsere eigenen Titel wie ESKIMO,
BEAT-WALZ, TRIFT-ICE usw. bei Radio Bratislava produziert. Auf
Wunsch des Aufnahmeleiters „ver-beateten" wir auch das deutsche
Volkslieder-Gut, wie z.B. „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach,
klipp-klapp, klipp-klapp, klipp-klappappa pappapappa pappapappa papp!
Von Radio Bratislava gelangten die Aufnahmen zu Radio Luxemburg. Als
unsere Musik nun über westliche Sender gespielt wurde, war das Maß
voll für die ostdeutschen Kulturfunktionäre. „ Wir lassen unser Nest
nicht beschmutzen" sagte man uns bei einer „Aussprache" mit
den Kultur- Verantwortlichen und so wurden die POLARS auf Lebenszeit verboten. Uns war damals natürlich nicht bewusst, dass
sie damit die Lebenszeit der DDR meinten, denn schließlich wir spielen
wir immer noch!
Von
nun an trugen viele unserer zahlreichen Fans schwarze Armbinden oder
Trauerflor am Knopfloch und bekamen deshalb Ärger mit der Staatsmacht.
Trotzdem sah man sich aufgrund dieses „Drucks von unten"
gezwungen, die „Mitglieder der ehemaligen Kapelle POLARS" nach
einem halben Jahr zu einem Gespräch einzuladen und ihnen vorzuschlagen
unter dem Namen WOSTOKS weiterzuspielen. Es durfte aber nicht
mehr in der Sprache des Klassenfeindes gesungen werden (obwohl der
Klassenfeind in Westdeutschland auch deutsch sprach). Scheinbar waren
die Amerikaner und Engländer aber die größeren Klassenfeinde, denn
man stellte klar, dass damit englisch gemeint war. Wahrscheinlich aber
ärgerte man sich nur darüber, daß man selbst der englischen Sprache
nicht mächtig war und
somit die womöglich ketzerischen Texte nicht verstand. Uns war es
letzten Endes egal, wie die uns nannten, Hauptsache wir durften
wieder spielen. Für die Fans blieben wir die Polars.
Zuerst sangen wir überhaupt nicht, sondern spielten nur Instrumental-
Titel. Dann sangen wir auf Druck der Fans doch wieder englisch, bis das nächste Verbot
kam. Das ließ nicht lang auf sich warten und kam Anfang 1968 in Form
eines Rundschreibens an alle Veranstalter, denen verboten wurde, uns
weiterhin zu engagieren. Der Hauptgrund für das Verbot war, daß ich während des Prager Frühlimgs Flugblätter mit den berühten "2000 Worten" gedruckt hatte (per Ormig) und im Bertrieb und bei unseren Konzerten verteilt hatte.
Ende
1968 meldeten wir uns trotzdem wieder zu einer Einstufung in Mühlhausen an. Dazu war
erforderlich, dass mindestens zwei Bandmitglieder, möglichst der „Kapellenleiter",
aus Mühlhausen war. Unser letzter Orgel-Spieler Kurt Heinrich hatte in
Mühlhausen studiert und sich noch nicht wieder nach Gotha umgemeldet.
Er hatte während seines Studiums mit dem Gitarristen, Pianisten und Saxophonisten Reiner Fritzlar
zusammen Musik gemacht und dieser wohnte in Mühlhausen. Er wurde in die Band aufgenommen und um extra darauf
hinzuweisen, dass es sich hier um eine Mühlhäuser Band handelte, gaben
wir uns den Namen nach unserem Mühlhäuser Band-Neuling: REINER
FRITZLAR COMBO.
Wir
wurden in Mühlhausen in die Oberstufe eingestuft und waren somit wieder
zugelassen. Beim ersten Auftritt der Band in Gotha hatte der
Veranstalter allerdings Schwierigkeiten bei der Anmeldung der
Veranstaltung beim „Erlaubniswesen". Der Volkspolizist , der dort
seinen Dienst versah, stellte fest, dass „das ja wieder die Woigk-
Truppe" war. Aber die Zusammenarbeit zwischen den Kreisen war eben
doch nicht so gut und der Kreis Mühlhausen wollte die Zulassung nicht
wieder zurückziehen, was bedeutete, dass wir die nächsten 3 Jahre
unbehelligt spielen durften. Jetzt war die Stadthalle, die jetzt
Kulturhaus der Einheit hieß, mit 1.000 Personen Fassungsvermögen
zu klein geworden. Deshalb spielten wir mehr im Kultursaal des Waggonbau
Gotha, der mindestens 2000 Leute fasste. Unser alter Gitarrist Rolf
Reinhardt stieß wieder zu uns. Ich hatte ihn 1 Stunde vor einem
Konzert der Band, wo er jetzt vorübergehend spielte, einfach abgeholt,
und zwar von der Bühne herunter. Er hatte seinen Verstärker schon
aufgebaut und nach einem kurzen Gespräch unter 4 Augen baute er alles
wieder ab. Ehe die Band richtig mitbekam, was da passierte, waren wir
verschwunden. 30 Minuten später stand Rolf wieder mit uns wie in alten
Zeiten auf der Bühne des Kulturhauses „Hermann Duncker" in
Waltershausen. Die Leute jubelten, als sie uns wieder fast komplett in
alter Besetzung auf der Bühne sahen. Ich hatte jetzt eine Glücks-Periode, aber bei meiner Frau setzte diese aus. So wurde ich zum 2. mal Papa und unser Sohn Thomas kam im
Juli 1971 Welt, worüber wir noch glücklicher waren. Obwohl- das Glück wurde dadurch getrübt, daß meine Frau 1970 beim Willi Brandt Besuch in Erfurt kurz verhaftet wurde und sie aufgrund dessen auch ihren Job verlor. Jetzt waren noch mehr gezeichnet, nachdenm wir schon mit der Flugblatt - Aktion aufgefallen waren. Dazu kam auch noch, daß ein Freund von uns nach dem Westen abgehauen war und zahlreiche Freunde nachholte, nur mit uns sollte es nicht klappen. Bis
Ende des Jahres 1971 ging mit der Band alles gut, obwohl Rolf uns wieder
verlassen hatte, weil er unseren Ambitionen im Bezug auf neue Musik
nicht folgen konnte oder wollte. Unser neuer Gitarrist war Robert
Albracht. Wir spielten immer mehr eigene Titel mit seltsamen
Namen wie „Vitamin „B" oder „Ebbe und Flut". Aber
größtenteils spielten wir jetzt Deep Purple, 10 Years After, Cream und
CCR (Beatles und Stones natürlich auch).
Dann
aber wurden (wahrscheinlich von der STASI) Gerüchte verstreut, dass zu
unseren Konzerten die Mädchen unter ihren Mini- Röcken keinen Slip
tragen würden! Das war natürlich ein Grund, unsere „dekadente"
Musik näher unter die Lupe zu nehmen. So hetzte man uns die Schnüffler
von der AWA (im Westen GEMA) auf den Hals, die feststellen sollten, ob
wir auch die Quote 60/40% einhielten (eine Band durfte nur 40%
West-Titel spielen). Man stellte bei uns 100% West-Titel fest, obwohl
wir zahlreiche Eigenkompositionen spielten und wir doch eigentlich
Ostdeutsche waren. Weiterhin wurde uns vorgeworfen, sogenannte VE-Titel
(Verbotene Einfuhr) gespielt zu haben, wie z.B. das Porno- Lied „Jetaime",
das ja gut zu den sliplosen Girls gepasst hätte. Allerdings war uns
diese Art von Musik etwas fremd (nicht dass wir prüde waren!) und wir
wären nie auf die Idee gekommen, so etwas zu spielen. Aber der Zweck
heiligte wie so oft auch hier die Mittel: Der eigentliche Grund des erneuten Verbotes waren unsere politischen Aktivitäten beim Brandt- Besuch und meine Verbindung zu meinem Freund und Mitglied der Fluchthelfer-Gruppe "Fuchs" G. H. Die Combo wurde auf
unbestimmte Zeit verboten. Wir waren das nun schon gewohnt und machten
nach unserem Verbot noch ein schönes illegales Abschluß- Konzert in
Mühlhausen, bevor wir für längere Zeit auseinander gingen.
Nach
3 Monaten meldete ich mich wieder bei der Abteilung Kultur und stellte
meine neue Band vor. Es war ein Trio und wir hatten vor, den Leuten die
Musik von Jimi Hendrix und Cream näher zu bringen. Das Trio bestand
allerdings wieder aus drei Leuten der POLARS (Gitarre, Bass und
Schlagzeug). Wir erhielten eine „vorläufige
Auftrittsgenehmigung", die bis zur nächsten Einstufung galt, die
in zwei Monaten sein sollte und nannten uns Studio-Gruppe 72,
weil das so fachmännisch und intellektuell klang. Das alles nützte
aber nichts, denn als wir zur Einstufung antraten, wurden wir gar nicht
erst angehört, weil wir „überhaupt keine richtige Kapelle"
wären. Für die „Fachleute" der Jury waren wir nur eine
Rhythmusgruppe und so was konnte man nicht auf die Leute loslassen! Die
Musik von Jimi und Cream kannten sie sowieso nicht und selbst wenn sie
diese Musik gekannt hätten, wäre sie von diesen Leuten als ketzerisch
eingestuft worden. Ich frage mich heute nur, was diese Leute gegen den
Halb-Indianer Jimi hatten!
Wir
gaben jedenfalls nicht auf, sondern bewarben uns für die nächste
Einstufung. Dazu nahmen wir noch einen Organisten (Thomas
Abendroth) , einen Saxophonisten (Wolfgang
Klawonn) und einen Flötisten(Axel
Glenn Müller) in die Band auf. Alle drei waren Studenten an der
Musikhochschule „Franz Liszt" in Weimar. Wir gaben uns den Namen BLUES
VITAL. 1973 sollten die Weltfestspiele in Ost-Berlin
stattfinden. Plötzlich merkte man, dass die meisten Bands, die „jugendgemäße
Tanzmusik" machten, verboten waren. Was sollte man jetzt den
internationalen Gästen vorsetzen? Auf einmal wurde BLUES
VITAL gefördert und durfte mit der Eigenkomposition „Blues von der Flüchtigkeit
der Zeit" auf die LP Hallo 5 , ja wurde in Frankfurt/Oder bei
der 1. Werkstattwoche der Rock-Musik sogar als beste Band ausgezeichnet.
Das waren ja völlig neue Töne! Doch die Polizei in Gotha hatte das
noch nicht so richtig geschnallt und so kam während eines
Schlagzeug-Solos unseres neuen Drummers Michael
Schwandt bei einem Konzert im Kultursaal des Getriebewerkes
Gotha plötzlich der ABV (Abschnittsbevollmächtigter der Deutschen
Volkspolizei) auf die Bühne, ging direkt auf Micha zu und befahl ihm,
sofort mit dem Solo aufzuhören, denn „Trommeln ohne Musik gibt’s
nicht". Trotzdem durften wir zu den Weltfestspielen fahren und
kauften uns von den staatlicherseits zur Verfügung gestellten
finanziellen Mitteln auf dem Schwarzmarkt (im Kurs 1:5) eine
Yamaha-Orgel und eine Regent 60-Anlage.
Nach
unseren Auftritten bei den Weltfestspielen und meinem verdienten Urlaub
sah ich mich mit der Tatsache konfrontiert, dass sich drei unserer neuen
Bandmitglieder hatten abwerben lassen. Unser Schlagzeuger Michael
Schwandt wechselte zu KARAT, weil er bei uns kein Solo mehr
spielen durfte (hihi), während unser Keyboarder Thomas Abendroth und unser
Saxophonist Wolfgang Klawonn zur Horst-Krüger-Band gingen, weil das
eine Profi-Band war und sie berufsmäßig Musik machen wollten. Axel Glenn Müller ging
zur Klaus Lenz Band. Da es für mich kein
Aufgeben gab, nahm ich Reiner Fritzlar wieder in die Band, den ich dazu
vergatterte, die Keyboards zu spielen. Als Drummer kam ein alten
Bekannter aus den 60-er Jahren in die Band, der früher bei der Erfurter
Band RAMPENLICHTER und später bei den Nautiks gespielt
hatte- „Sifte" Hörger.
Nach zwei Wochen intensiver Proben ging es weiter. Wir stellten noch
einen Sänger ein- Peter Sander. Er hatte einen Lieferwagen und somit war auch unser Transport gesichert. Nach einiger Zeit kam von ihm die Bemerkung, dass jeder einzelne von
uns genau so gut singen könnte und er nicht unbedingt als Sänger benötigt würde und so stieg er wieder aus.
Werner
Zentgraf aus Erfurt bot sich als
Fahrer an. Er war früher Gitarrist bei den Nautiks und hatte
gerade Spielverbot wegen Instrumenten- Schmuggels. Seine Rechnung, sich
auf diese Art und Weise in die Band „reinzumogeln", ging auf. Aus
dem Kuckucksei wurde ein kleiner Kuckuck und wie das bei diesen Vögeln
üblich ist, warf er den Konkurrenten in Person unseres Gitarristen Ulli
Fasshauer aus dem Nest. Trotzdem hatten
wir weiter Erfolg und dieser veranlasste mich ab Januar 1976, meine
hauptberufliche Tätigkeit als Ingenieur aufzugeben und noch einmal ein
Studium an der Musikhochschule „Franz Liszt" in Weimar zu
absolvieren. Ab 1974 aber wurde ich intensiv von der Stasi observiert. Der Vorgang lief unter dem Namen "Verbindung", wie ich meinen Stasi-Unterlagen entnehmen konnte. Meine gesamter Telefon- und Briefverkehr wurde überwacht und -zig IM's wurden auf mich angesetzt. So erfuhren sie von meiner weiterhin bestehenden Verbindung zu meinem Freund G. Heinzel und damit zu der Schleusergruppe "Fuchs", wodurch ich immer mehr in die Fänge der Stasi geriet, was bis hin zur Erpressung ging.
1975
verkürzten wir unseren Namen nun auf VITAL,
weil unsere „Neuen" dem Blues nicht so sehr zugetan waren und das
Publikum noch nicht so weit war, um diese Art von Musik zu schätzen und
zu lieben, so wie die einstigen Gründer der Formation. Später hat es
dann Engerling versucht und da hat es geklappt, weil es die Leute
endlich geschnallt hatten, dass die DDR ein idealer Nährboden für den
Blues darstellte. Hier gab es mindestens genau so viele unfreie Menschen
wie in den amerikanischen Südstaaten zur Zeit der Sklaverei und der
Entstehung des Blues. Hier war schließlich ein ganzes Volk eingesperrt
und damit der Blues zu Hause!
Als
nunmehr weniger aufsässige Band durften wir nun öfters mal im
(sozialistischen) Ausland spielen, sogar gegen Devisen. Unsere Musik war
ja auch nicht mehr anstößig. Rein materiell ging es uns nun besser,
dafür ging mir die Musik, die wir machten, allmählich auf die Nerven. Vital spielte immer mehr Oldies, ich aber wollte endlich über die Musik etwas aussagen, d.h. auch in den Texten Kritik üben, z.B. über die Zustände in der DDR und bei uns ignorierte Umweltprobleme. Auch ließ ich mich nicht mehr von der Stasi erpressen, was bedeutete, daß ich täglich mit einer Verhaftung rechnen mußte. Trotzdem unterstützte ich die Gothaer Band "Landplage", aber leider fand ich unter diesem Bandnamen keinen Veranstalter, der die Band engagieren wollte.Sie war auch offiziell nicht zugelassen. Auf mein Betreiben hin änderte die Band ihren Namen um in Karacho und ich wurde offiziell der "Kapellenleiter", wie es damals hieß. Die Band erhielt eine Einstufung in die "Oberstufe", durfte nun offiziell spielen und erlangte erstaunlich schnell großen Bekanntheitsgrad. Weil es aber in Buchenwald einen Karacho-Weg gab und sich deshalb eine Band aus Pietätsgründen so nicht nennen durfte, mußte auf Betreiben der staatlichen Organe nochmals der Name geändert werden und so nannte sich die Band nun "Extra". Gleichzeitig wurde auch der Schlagzeuger ausgetauscht. Für Detlef Möller kam "Üde" Schorr in die Band, bis diese endgültig zerfiel. Mit dem Kern der Gruppe - dem Sänger Andreas Kirchner (Kirsche) und dem Schlagzeuger "Üde" Schorr gründete ich die schnell zur ostdeutschen Cult-Band avancierende Band PASCH und stieg bei VITAL aus. Nebenbei spielte ich noch mit meiner alten Band THE POLARS, die ab 1981 wieder
unter altem Namen auftreten durften. Bei PASCH stieg nun auch meine Tochter Viola ein, die noch in Weimar Musik studierte und nun die Keyboards bediente. Zuerst spielten wir Songs von Roger Chapman und Rio Reiser,
später nur noch eigene Songs mit sehr kritischen deutschen Texten, die der Obrigkeit
wiederum gewaltig an die Nerven gingen. Bei den Polars durften wir
damals nicht englisch singen, jetzt wäre es den Genossen lieber
gewesen, wenn wir englisch gesungen hätten, weil das die meisten Leute
im Osten ja doch nicht verstanden.
1986 stieg "Üde" aus und Larry Hillert kam in die Band. Im gleichen Jahr wurde von der STASI erneut ein operativer Vorgang gegen mich und unseren Sänger "Kirsche" unter dem Namen Flieger aufgemacht. Ziel war, die Band zu zersetzen, auch durch Inhaftierung der Rädelsführer Woigk und Kirchner. Es gelang ihnen aber nicht, unsere Texte
als Beweis für unsere staatszersetzende Tätigkeit aufzuzeichnen, obwohl es derartige Versuche durch IM’s gegeben hat.
Irgendwann
beschlossen wir alle, einen Ausreiseantrag zu stellen. Einem Teil der Band, u.a. „Kirsche"
wurde die ganze Sache jedoch zu heiß, nachdem man ihm ordentlich bei
der KGD (unsere Arbeitgeber, Konzert- und Gastspieldirektion) zugesetzt hatte. Larry, Viola und ich beantragten dennoch die Ausreise. Kirsche und unser Gitarrist Klaus Müller von Bazko stiegen deshalb zum Jahresende 1987 aus. Ich holte den Sänger Andre Greiner Pol
und den Gitarrist Garry Franke (beide von der verbotenen Berliner Band Freygang) in die Band. Drei Ausreise-Antragsteller
und zwei verbotene Musiker- das wurde der Obrigkeit nun doch zu viel und wir
flogen aus der KGD raus, d.h. wir wurden nicht mehr durch sie vermittelt. Wir vermittelten uns nun
selbst, die Hälfte der Gigs wurde aber polizeilich nicht genehmigt. Die
Gigs wurden nur dort genehmigt, wo man noch nicht mitbekommen hatte, was
für "negativ-dekadente Subjekte"(lt. STASI) wir waren. Das wiederum zeigt mir aber, dass die
STASI gar nicht so gut war, wie wir damals immer dachten und ihr Arm nicht überall hinreichte. Gegen den BND war das aus heutiger Sicht ein Amateur-Verein.
Um
über die Runden zu kommen, gab ich Gitarre- Unterricht und verkaufte so
nach und nach mein ganzes Hab und Gut, was ich ja sowieso nicht mit nach
dem Westen nehmen konnte, falls mein Antrag genehmigt würde. Meine geschiedene Frau
und meinen Sohn Thomas hatte man 1985 schon rausgelassen und er ging inzwischen in Konstanz auf's Gymnasium. Nebenbei spielte er Schlagzeug in einer Band. Heute ist er Informatiker und spielt
immer noch Schlagzeug nebenbei, nur etwas härter als Papa- Heavy Metall eben. Er wohnt wie Viola in Berlin. Sie hat dort zwei Bands- Viola Mirage und Viola Con Padrinos.
Ich
wollte mindestens so lange hier in der DDR die Stellung halten, bis Viola mit Ihrem
Studium fertig war. Sie durfte im September 1988 gen Westen gehen. Ich folgte ihr im
Nov. 88. Unser Drummer erhielt seine Ausreise- Erlaubnis erst nach
dem Fall der Mauer und hat den Wisch den Genossen um die Ohren gehauen! Die Band übergab ich an unseren neuen Keyboarder
Lothar Wilke (Lodix), der nach Viola's Ausreise eingestiegen war. Ihm übergab ich die Band bei meiner Ausreise mit der Bitte, sie in meinem Sinne
weiterzuführen. Er tat es und so gibt es die Band PASCH immer noch.
In
Konstanz angekommen und mit meiner Familie wiedervereint, erhielt ich erst einmal den Flüchtlingsausweis "C", was mir bei der Wohnungssuche sehr behilflich war. Auch gab es darauf zinsgünstige Kredite. Ich machte bald
eine „Aufnahmeprüfung" bei einer sogenannten Top 20 - Band
namens „Hexagon". Hit- Parade rauf und runter- das ging
mir zwar fürchterlich auf den Keks, aber wenigstens stand ich wieder
auf der Bühne und verlernte das Gitarre spielen nicht. Außerdem habe ich mir gleich ein Auto gekauft und mußte den Kredit zurückzahlen. Nach einem
Konzert im Konzil in Konstanz sprach mich jemand im besten sächsischen
Slang an. Er fragte mich, ob ich nicht eine Band für ihn
hätte. Im Laufe unseres Gespräches kam heraus, dass wir schon in
Weimar zusammen auf der Bühne gestanden hatten, er bei CINCILLA (Leipzig) und ich bei PASCH. Da ich keine Band für ihn hatte,
gründeten wir eine solche. Er (Matthias Fröhlich) spielte Gitarre, meine Tochter Viola Keyboards,
mein Sohn Thomas Schlagzeug und ich den Bass. Viola schrieb eine Menge
Songs und wir nannten uns „Viola & The Dreamers", denn
Träumer waren wir allemal und Viola war die Oberträumerin . Bald waren
wir im Studio, die erste CD entstand und wir gingen auf Tour, u.a. auch
unmittelbar nach dem Mauerfall in unserer alten Heimat Thüringen.
Hauptberuflich
ging ich aber erst einmal wieder in meinen Ingenieur-Beruf zurück.
Anders als im Osten wurde diese Tätigkeit hier gut bezahlt. Dagegen stand man als
Musiker im Westen so ziemlich im sozialen Abseits. Also machte ich
zuerst einmal CAD-, CNC- und REFA- Lehrgänge mit, um wieder in meinen
alten Beruf zu kommen. Danach bewarb ich mich in der Schweiz und im
Schwarzwald. Beide Firmen luden mich zu einem Einstellungs- Gespräch
ein. Den Job in der Schweiz trat ich nicht an, weil ich da kaum etwas
von dem Schwyzer- Deutsch verstand. Dem Chef der Schwarzwald- Firma
sagte ich beim Einstellungs- Gespräch, dass ich keine Ahnung von dem
hätte, was da konstruiert wird. Er fand meine Offenheit gut und stellte
mich ein. Er gab zu verstehen, dass alle anderen Einstellungs-
Kandidaten hochgestapelt hätten und sich nach einer Woche dann
herausstellte, dass sie nichts auf der Kirsche hatten. Weil ich
tiefstapelte, wie die meisten Ostdeutschen, wollte er es mal andersherum
ausprobieren. Außerdem hatte ich damals als frisch übergelaufener Ossi
noch den Exoten- Bonus. Scheinbar war er aber mit mir zufrieden, denn er
versuchte mich durch mehrere Gehalterhöhungen an die Firma zu binden.
Trotzdem musste die Firma 1991 erst
einmal in Konkurs gehen und ich wechselte zu einer anderen Firma in St.
Georgen. Inzwischen war im Osten die sogenannte Wende über die Bühne
gegangen und es zog mich wieder mit aller Macht nach Thüringen. Meine
neue Firma wollte im Osten eine Zweigstelle eröffnen und ich wurde als
„Ostexperte" dazu auserkoren, eine solche in Gotha zu eröffnen
und zu leiten. Ich machte den Job so gut ich konnte, doch dann ging die
Stamm- Firma in Konkurs. Ich machte deshalb selbst ein
Konstruktionsbüro in Gotha auf, die Aufträge hatte ich mir ja schon
besorgt- zwar für die West- Firma, aber was sprach dagegen, die
Aufträge nun selbst abzuarbeiten. Als zweites Standbein hatte ich noch
die schon in Konstanz gegründete Firma Eastside Promotion. Ich
veranstaltete eine Unmenge an Konzerten und Events und spielte
auch noch selbst bei den POLARS. Um musikalisch ausgelastet zu sein,
gründete ich noch mehrere Nebenbands (Just Do It, Lazy
Dogs und UPDATE) und tourte drei
Jahre lang mit der U.S.A.- Band Elizabeth Lee & Bad Influence durch Europa. Mein Ingenieurbüro
betreibe ich immer noch, spiele aber auch weiterhin in den Bands POLARS , LAZY DOGS und UPDATE und Surfbeat, veranstalte das Kneipenfestival Muggenfieber in Gotha und führe und führte Tourneen durch mit Bands wie z.B. THEM (IR), REAL FEEL (U.K.), ELIZABETH
LEE (USA), JOHN WHITELEATHER(USA) , STEVE SCHUFFERT(USA), MEZZ (USA), SOLSURFERS(USA), Pat Ó Bryan (USA), Jesus Volt (F), u.v.a.
In den letzten zehn Jahren seit meinem 40. Jubiläum ist noch einiges passiert. Mit den Polars führte ich drei Schweden- und eine Finnland -Tournee durch. 2008 gründete ich neben den Polars die Band Surfbeat und führte auch gleich mit dieser Band eine weitere Schweden Tournee durch. Die Polars spielten zusammen mit der Thüringen Sinfonie in Gotha und so ging ein langgehegter Wunsch von mir in Erfüllung: "Wonderful Land" von den Shadows mit Orchester-Begleitung zu spielen. Es wurde ei toller Erfolg. Bei den von mir regelmäßig (jedes halbe Jahr) organisierte Veranstaltung "Polars & Gäste" in der Stadthalle Gotha hatten wir wiederum zahlreiche berühmte Bands zu Gast, wie z.B. Lords, Rattles, Rubettes, Ohio-Express u.v.a. Im Juli diesen Jahres spielte ich mit den POLARS als Hauptakt zum Thüringentag in Gotha auf der großen Bühne Neumarkt.
Am 15.Oktober 2011 spielte ich anläßlich meines 50. Bühnenjubiläums in der Stadthalle Gotha mit allen einmal von mir gegründeten Bands sowie befreundeten Musikern und Bands, insgesamt 16 an der Zahl- und das alles an einem Abend! Die ausvrkaufte Veranstaltung ist super gelaufen und wird wohl in die Gothaer Geschichte als einmaliges und nicht zu topendes Ereignis eingehen.
Im nächsten Jahr werden die POLARS 50 und ich hoffe, daß wir das noch schaffen. Was
danach kommt, steht in den Sternen....
Wilfried Woigk
|